Dienstag, 7. Juli 2009 1:50
[Inspirert durch diesen Artikel in Neris Booyaboo]
Erliegt das Netz der Netze der Hatz der Hetze? Bundesdeutsche Politiker scheinen in letzter Zeit einen Großteil gesellschaftlicher Probleme möglichst monokausal zu erklären. Leider folgen sie auch bei ihren Bewältigsstrategien einem Simplizismus, dessen Einfältigkeit selbst von Grimmelshausen hätte staunen lassen. Gefestigt hat sich mittlerweile offenbar ein negatives Menschenbild des Netzzeitalters:
“realitätsverlustige, pädophile Urheberrechtsverletzer, die dem Steuerzahler aufgrund ihrer mangelhaften Teilnahme am Kollektiv auf der Tasche liegen”. [Neri@Booyaboo]
Beginnen möchte ich mit einem Zitat, dass mir bei der Lektüre von Neris Eintrag spontan durch den Kopf ging:
[Ich bin] ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. [...] Ich bin der Geist, der stets verneint - und das mit Recht, denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zu Grunde geht.
Alles, was entsteht, ist wert, dass es zu Grunde geht… Erinnern wir uns nicht noch den Aufstieg des Internets, vielleicht irgendwann in den 1990er Jahren? Den Durchbruch, die Goldgräberstimmung? Die Leute waren damals so fasziniert und durch und durch überzeugt vom weltweiten Datennetz, seinen Möglichkeiten und Verheißungen, dass sie mit Feuereifer bei der Sache waren und jede Menge heiße Luft in eine Blase gepustet haben, die alsbald unter dem Namen “Dotcom” platzen sollte.
Die Euphorie hat sich gelegt. Das Internet und seine Möglichkeiten sind nicht mehr neu und besonders, sie sind allgegewärtig. Digitales Breitband ersetzt den analogen Anschluss; Durchsatz, Geschwindigkeit und Preis entwickeln sich für den Nutzer zusehends positiv. Die Omnipräsenz des WWW ermöglicht theoretisch auch allumfassende Möglichkeiten der Nutzung - und somit auch des Missbrauchs.
Das ist keine neue Erkenntnis. Umso bemerkenswerter fällt aber der Umstand aus, dass deutsche Politiker grade / erst jetzt und so hartnäckig und so schrecklich maßlos agieren. Und dass sie nach all den Jahren, die man zum Nachdenken hätte nutzen können, immer und immer wieder genau eine Feld der Gegenstrategien aufzeigen: Verbot, Sperrung, Zensur.
Die Politik der großen Koalition verkommt mehr und mehr zum Geist, der stets verneint und dabei - anders als im Original - vielleicht tatsächlich das Gute will, doch stets das Böse schafft. Es ist keine stete Negation, es ist eine ständige Negation von Bemühungen um politisch und vor allem gesellschaftlich verantwortungsvolle Entscheidungen.
Die Debatte um den Umgang mit Kinderpornographie und Urheberrechtsver-letzungen im Internet wurde in den letzten Wochen intensiv geführt - zumindest in den Blogs und Medien. Jetzt wird ein anderes Phänomen bemüht, von dem man auch immer wieder mal gehört hat und das nun aufgewärmt und präsentiert wird: die Sucht.
“Am vergangenen Donnerstag beantragten CDU/CSU und SPD, dass die Bundesregierung prüfen solle, ob Onlinesucht eine Krankheit im Sinne der Weltgesundheitsorganisation sei. Am vergangenen Freitag forderte die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing von der SPD, man solle Onlinespiele für Jugendliche verbieten. Dorothea Bär von der CSU sieht das Problem dagegen in der Sucht nach Onlinesex.” [SZ]
“Sich an die eigene Nase fassen” lautet eine alte Redewendung. Die stünde momentan auch Sabine Bätzing zu Gesicht. Ruft man nämlich ihre Online-Präsenz auf, finden sich bereits auf der Startseite ganze sechs (!) Logos von Diensten aus dem Bereich Web 2.0 - social networking is political networking is online networking.
Es ist nur ein Beispiel für die politische Bigotterie, die dieses Land momentan umklammert; für die Realitätsferne, der genau die erliegen, die Spieler aus Phantasiewelten zwingen wollen; für die schöpferische Kreativität, mit der unterbeschäftigte Pedanten ex absurdo neue Süchte definieren.
“Lesesucht [...] Parteisucht [...] Kindersucht [...] Redesucht [...] Arbeitssucht” [Laurin@Ruhrbarone]
Wer aber ernsthaft darauf besteht, die politische Diskussion um mögliche Probleme und Gefahren im Zusammenhang mit dem Internet anhand von Argumenten und Fakten zu führen, läuft rigoros Gefahr, tief in den Kaninchenbau zu stürzen und auf der Reise das Gespür für richtig und falsch zu verlieren - bis man dann irgendwann beim verrückten Hutmacher landet und mit der deutschen Politik “Viel Glück zum Nicht-Geburtstag” singt; die ständige Negation…
Nein, es geht nicht um Fakten und Argumente. Würde es das tun, hätten die SPD-MdBs wohl auf den parteieigenen “Online-Beirat” gehört und gegen von der Leyens Zensurentwurf gestimmt. Wofür man einen Online-Beirat, in dem Experten Stellung zu Fragen aus dem Ressort Internet beziehen und politische Handlungsempfehlungen aussprechen, eigentlich einrichtet und brauchen soll, fragt sich nicht nur der denkende Wähler, sondern auch Mitglieder des Beirats selbst. Dieser Zwischenfall verdeutlicht nur allzu gut, dass es bei den derzeitigen politischen Bewegungen nicht um Wahrheit und Richtigkeit, sondern blanken Populismus und Stimmenfängerei in weniger netzaffinen Milieus geht.
Es ist schwer, diesen Text zu einem gelungenem, befriedigendem Ende zu bringen. In der geschilderten Angelegenheit ist das letzte Wort nocht nicht gesprochen - es sei denn, es wird verboten und zensiert.